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Wenn Helden eine Entschlackungskur machen

von am 12. Mai 2015

Gestern habe ich von meiner lieben Sanny einen Artikel zum Thema Übergewicht geschickt bekommen, der mir so richtig gut gefallen hat. Ich danke ihr an dieser Stelle, dass sie an mich gedacht hat. Mich hat er beeindruckt. Man muss schon ein wenig sein Gehirn anstrengen, um ihn richtig zu verstehen und sich auch ein wenig mit Zynismus und Sarkasmus auskennen. Manchmal tut es dann auch noch gut, ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen.

Wer ihn gerne lesen will, mit allen Kommentaren, der sollte sich ein paar Augenblicke Zeit nehmen und ihn auf sich wirken lassen.

Lob der Fülle

Vielen Kommentatoren ist das jedoch nicht gelungen. Die haben dann gleich mal brav wieder gegen die „Dicken mit 120 Kilo“ gewettert. Am besten fand ich den in der Straßenbahn. Ich maßloses, fettes Ding solle doch gefälligst mehr zahlen. Meine Wampe, die andere dann neben mir berühren müssen, weil ich ja mehr Platz brauche, wäre eine Zumutung. Und auch das ich maßlos sei, keine Disziplin hätte und ich mich auf keinen Fall wohl fühlen kann, das wird mir in diesen Kommentaren als übgewichtige Leserin mit gesunder Selbstreflektion nochmal mitgeteilt. Ich muss mich total scheiße und unglücklich fühlen, kann nichts im Leben leisten und bin einfach nur ne blöde, ungesunde Sau.

Aber das weiß ich schon alles und ich betone nochmal sehr gerne: Vorurteile sind schnell gefasst, lernt doch mal einen „fetten Menschen“ kennen, so richtig. Und dann reden wird nochmal. Aber so wie der Verfasser des Artikels es ja schreibt, hat die Gesellschaft da ja ein wenig Angst vor.

Ja, das Gefühl habe ich auch. Fett ist ungesund, ungesund führt zu Tod, Tod macht Angst. Fett = Angst. Na dann, lassen mich solche Menschen wenigstens in Ruhe, oder lästern eben hinter meinem Rücken über mich. Denn bei direktem Kontakt könnte ich ja ansteckend sein, mit meiner Tiefkühlpizza und dem dicken Bauch. Buh, pass auf, das ich dich nicht Nachts hole und auch noch maßlos fresse.

Aber ich schweife ab. Über meine Meinung zum Dick sein, mein Leben damit und meine Erfahrungen mit anderen Menschen, habe ich ja schon desöfteren philosophiert. Damit habe ich wenigstens schon bewiesen: Doch, ich ziehe Dinge durch und habe Disziplin (ich schreibe nicht nur jeden Tag meinen Blog, sondern mache auch jeden Tag Sport, übe jeden Tag Gitarre und mache auch anderes sehr diszipliniert) und ich zeige: Fett ist nicht gleichzusetzen mit Dummheit (wobei es diese Kombination in viel zu häufiger Form auch gibt, wie auch die Kombination mit Dünn und Dumm, immer ist es Doppel D, wenn dann auch noch Blond dazu kommt, wird’s gefährlich).

Nein, darüber will ich gar nicht schreiben. Nichts desto trotz möchte ich sehr gerne einen Aspekt aus diesem Artikel aufgreifen. Die Veränderungen im Laufe der Zeit und die Veränderung der Wahrnehmung und Akzeptanz des Übergewichtes. (Das Übergewicht nicht gut ist, weiß ich auch, das steht auch gar nicht zur Diskussion, wohl aber der Umgang damit!)

Im Artikel erwähnt der Autor vieles, was in seiner Kindheit als normal galt. Bud Spencer war ein Held (der war dick, wer ihn nicht mehr kennt, bitte mal googlen, ich weiß, meine lieben Leser, das könnt ihr), Biene Maja war pummelig und Helmut Kohl war wohl einer des besten Bundeskanzler, den wir je in Deutschland hatten (ja, auch Herr Kohl war dick).

Diesen Kindheitshelden heftete dieses Klischee nicht an, sie seien faul, dumm, maßlos oder was alles uns Dicken nachgesagt wird. Es gab so einiges, was früher auch „voller“ IN war. Angefangen in der Kunst. Die Rubensfrauen, das war früher ein Schönheitsideal. Speck galt als fruchtbar und gebärfreudig. Es zeugte von Gesundheit. Die Frauen, die zu dünn waren, da hatten die Menschen sicher das Bedürfnis einen weiten Bogen drum zu machen, denn da steckte sicher eine Krankheit dahinter, die den Körper auslaugt.

Und auch meine Kindheit ist geprägt von „dicken Helden“. Obelix, der wirkt nur, wenn er dick ist. Und hat von euch jemand das Bedürfnis zu sagen, der ist aber ein Schwächling, der soll mal abnehmen? Nein, er ist nur so wie er ist ein Obelix, und trotzdem ein Held und stark. Dr. Snuggles, ihr wisst schon, dieser Professor, der Mathilde Dosenfänger erfunden hat, auch ein Zeichentrickheld. Der hat einen Bierbauch. Und trotzdem versprüht er Lebensfreude und ist glücklich. Warum sollte er auch nicht? Dick macht nicht unglücklich, eher solche Menschen, die ständig mit dem Finger auf Menschen zeigen, die „anders“ sind. Und noch mehr Zeichentrickfiguren, die man sich nur mit Bauch vorstellen kann, weil sie eben so sind. Die Glücksbärchis, die alte Emily Erdbeer, Winnie Pooh, Ursula aus Disneyas Arielle, Benjamin Blümchen, Samson aus der Sesamstraße. Alles Figuren, die nur mit Bauch funktionieren, bei denen die Gesellschaft aber nicht denkt, das ist ungesund.

Obwohl, wartet, das stimmt nicht. Das Ideal und diese Denke geht doch mittlerweile soweit. In den neusten Serien und Kinderfilmen, gibt es nicht mehr wirklich übergewichtige Figuren. Zumindest fallen mir auf Anhieb keine ein. Die Eiskönigin? Rapunzel? Nur um die aktuellesten Sachen zu nehmen. Gut doch, Baymax hab ich mir vor kurzem angesehen und der war schon schön rund.

Aber es geht ja noch weiter in unserer Gesellschaft. Die Sachen von damals, die wir alle so hingenommen haben, wo dick sein zwar auch schon „ungesund“ war, die Menschen aber weniger fanatisch mit umgegangen sind, die bekommen jetzt eine Schlankheitskur verpasst. Biene Maja, Emiliy Erdebeer, die gute alte Anime Heidi. Pausbacken, Kinderspeck (um nicht anderes handelt es sich, das Kindchenschema) ist wegrationalisiert. Dieser Speck hat ja nichts mit dem klassischen Übergwicht zu tun. Sie bedienen eigentlich das klassische Kindchenschema (auch hier bitte googlen). Sie sollen niedlich sein. Aber das ist heute nicht mehr Up to Date. Dick ist dick. Dick ist schlecht, dick ist negativ, dick muss weg, dick hat keine Recht auf irgendwas (wie die Dame, die diesen Job bei dem Artikel wollte). Die neuen Kinder wie Cajou und dieser „neumodische Kram“, die sind schon angepasst und entsprechen dem heutigen Schönheitsideal. Dünn ist das Maß aller Dinge und verspricht Erfolg.

Die Kinderserien fangen damit an. In der Werbung und in der Musik und in den Filmen geht es weiter. Bei nur ganz wenigen Ausnahmen siehst du mal ein Speckröllchen oder etwas ohne Photoshop. Melissa McCarthy oder das Lied „All about the Bass“ finde ich in diesem ganzen Klappergestelltheater echt erfrischend. Nur Sängerin Meghan Trainor, die über das Dicksein sing und von sich sagt, klar bin ich dick, ist für mich dann doch zu „normal“. Einer Beth Ditto hätte ich diesen Text schon eher abgenommen (oder mir selbst :P).

Aber ich schwöre, gehen die an den Bauch von Obelix, dann geh ich auf die Straße und demonstriere. Ja, ich kann mich bewegen, auf meinen Beinen, als Dicke, krass, was? Und soll ich euch noch etwas sagen, das mache ich jeden Tag, Bewegung, draußen, mit dem Hund. Unfassbar rebellisch. Ich als Dicke leiste was. Skandal.

Mir graut es echt. Wenn die Kinder das schon so mit auf den Weg bekommen. Dick ist Schlecht und will man nicht. Wo soll das noch hinführen. Wie fühlen sich dann die „Dicken“? Wie viel Mobbing wird es noch geben? Wie weit werden Eltern gehen? Genuntersuchungen vor der Geburt. „Ihr Kind hat das Dickgen.“ „Oh nein, wir können es nicht bekommen!“

Ich predige nicht, ja dick ist gesund und hat keine Risiken, es gibt ja genug Studien, die so sind. Das kann und ich will ich gar nicht wegdiskutieren. Und natürlich sollte jeder Dicke auch auf sich achten.

(Das aber auch anderes ungesund ist, wie Rauchen, da aber keiner sagt, ihhhh, du rauchender Schornstein oder so, das lass ich mal dahingestellt. Es gibt halt Ungesundes, das ist gesellschaftsfähig, Alkohol, Zigaretten, schnelle Autos, Bungeejumping, Fliegen. Dick sein eben nicht. Passt schon!)

Mir geht es um die Akzeptanz und die Toleranz, die uns Dicken fehlt. Und die zu einem gesunden Selbstbewusstsein beisteuern könnten. Denn fragt doch mal ,wie viele Dicke keinen Sport machen, sich nicht Draußen zeigen, depressiv zu Hause sitzen und dadurch noch mehr zunehmen, weil andere sie so sehr piesaken.  Wie können sie an sich selbst glauben, sich selbst was zutrauen, selbstbewusst in die Welt gehen, wenn alle auf sie einreden, du bist dick, du kannst das nicht. Natürlich denkt man das dann, in jeder Beziehung und in jedem Bereich des Lebens.

Ich sage nicht, meine Mitmenschen sind schuld daran, das ich dick bin. Aber die eine oder andere Bemerkung, die dann an einem nagt, das Auslachen und der Fingerzeig, hat mein Leben schon beeinflusst. Zum Glück kann ich da heute drüber stehen und ich kann behaupten, ihr könnt mir an meinem dicken Arsch vorbeigehen. Aber das gibt es nicht immer und das wird nicht jedem Dicken gelingen. Und wenn dann auch noch Vorbilder immer weniger werden und es keinen neuen Helmut Kohl mehr geben wird, keine Weather Girls mehr zeigen können, das auch Wuchtbrummen erfolgreich sein können (weil die Gesellschaft das nicht mehr möchte), dann gehen wir harten, ungerechten und vor allem sehr eintönig dünnen Zeiten entgegen.

Ihr alle, die ihr mehr auf den Rippen habt: Lasst euch niemals sagen, ihr seid falsch, ihr seid nichts wert oder ihr könnt nichts. Leistung, Können und Stärke, hat nie was mit Gewicht zu tun. Euer Geist soll euch Flügel verleihen, dann könnt ihr allen dünnen Vollspacken, die euch sowas einreden wollen, den Stinkefinger zeigen, wenn ihr Bundeskanzler (da gabs ja auch schon ne Rumkugel namens Kohl), Schauspieler (Armin Rohde ist nicht vollschlank) oder Rockstar (Meat Loaf macht sich ja selbst über seine Körperfülle lustig…mit dem Künstlernamen) seid. Oder wie Benjamin Blümchen vielleicht Wetterelefant. Der hat es auch so gemacht und gezeigt: Solange du es dir vorstellen kannst, dann geht das auch. Also, zeigt es allen, dass es funktioniert, auch mit Übergewicht, dafür gibt es gung Beispiele.

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