"Wenn man schon einen an der Waffel hat, dann aber so richtig. Mit Sahne und Kirschen!"

Der Brief

Heute war Therapie. Es ging um Toni, meine Angst. Und es ging um den Tod, der Toni immer wieder befeuert.

Dabei spielen mein Kopf und meine Gedanken eine große Rolle. Die Angst kommt nicht von Außen, sondern aus mir. Der Tod, wie ich ihn mir vorstelle, ist ein Konstrukt in meinem Kopf. Manchmal verfluche ich meine rege Fantasie.

Ich habe einen Arbeitsauftrag bekommen. Ich soll dem Tod einen Brief schreiben. Schon bei dem Gedanken daran läuft mein Gehirn Amok und sendet dem Magen den Befehl, sich zu verkrampfen und Übelkeit auszusenden. Aber auch das ist in mir. Und wenn was in mir ist, dann kann ich es auch kontrollieren. Oder soll ich es doch zulassen? Das mit der Angst ist echt kompliziert. Ich stell mich jetzt. Ich liege hier im Bett und denke über das Gespräch nach. Neben mir läuft der Fernseher. „Bares für Rares“. „Das habe ich von meiner verstorbenen Oma“… Da ist er wieder, der Tod.

Heute hat der Tod mal ein konkretes Gesicht bekommen. Er sieht aus wie das Sandmännchen, nur dunkler und größer. Aber ich vergaß zu erwähnen, dass er keine lustige Zipfelmütze trägt, sondern einen schwarzen Umhang.

Diesem Gesellen werde ich nun also schreiben, obwohl sich alles in mir sträubt.

Lieber Tod,

darf ich dich einfach so ansprechen, so formlos? Oder bevorzugst du doch das Sie? Aber du bist so distanzlos zu mir, dass ich das du sehr passend finde. Aber ich verspreche dir, dass ich höflich sein werde.

Du machst mir schon so lange Angst. Schon als Teenager bekam ich ein flaues Gefühl im Bauch, wenn ich wie aus heiterem Himmel an dich dachte. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich war wegen einer Bronchitis krank zu Hause. Meine Mama kam mit dem Fahrrad zurück vom Einkaufen. Ich half ihr, die Taschen reinzutragen. Im Flur überkam mich dann dieser Gedanke aus heiterem Himmel:

„Wenn du dann tot bist, bist du einfach nicht mehr da. Du bist einfach weg.“

Wow, dieser Gedanke war so heftig. Und klang noch eine Weile in mir nach. Ich habe das keinem erzählt, nicht mal meiner Mama. Der Gedanke war einfach so groß, dass er mich überwältigt hat. Das erste Mal fühlte ich mich hilflos und ganz klein. Wie sollte ich mit etwas klar kommen, was ich nicht ändern konnte?

So ploppte der Gedanke an dich, lieber Tod, immer wieder auf. Es erschreckte mich immer. Dieser Gedanke fuhr mit jedes Mal durch Mark und Bein, nahm mir die Luft zum Atmen. Aber ich kam damit klar und so schnell, wie der Gedanke gekommen war, ging er auch wieder. Du warst dann lange nicht in meinen Gedanken. Immer nur mal wieder. Mich beruhigte der Gedanke, dass ich ja noch so jung bin, ich noch viel Zeit habe. Das war echt ein naiver Gedanke. Auch junge Menschen sterben. Aber daran dachte ich nie.

Seit meine Mama tot ist, bist du aber ständig nah bei mir. Ich weiß, lieber Tod, so lange ich an dich denken kann, bist du keine Bedrohung für mich. Wenn ich denken kann, dann lebe ich noch. Ergo, bist du nicht bei mir.

Und dennoch sitzt du neben mir und grinst mich schamlos an. Ich kann dich einfach nie ganz aus meinen Gedanken verbannen. Aber ich will dich nicht, geh doch einfach. Denn wenn ich ständig mit der Angst vor dir wegrenne, dann schaffe ich es nicht zu leben.

Ja, ich weiß, dass du über mich lachst. Denn manchmal sind da diese schwarzen Gedanken, die dich heimlich herbeirufen. Dann sehne ich mich nach dir, obwohl ich so eine Angst vor dir habe. Und dann habe ich Angst vor mir selbst, weil ich dich ja praktischerweise einlade.

Das ist alles so konfus. Wie machen wir jetzt weiter, lieber Tod? Wie soll unsere gemeinsame Zukunft aussehen? Los werde ich dich nicht, denn es ist ein Fakt, irgendwann werde ich sterben. Aber bis dahin will ich leben. Doch du hinderst mich daran. Entweder, weil ich vor Angst wie gelähmt bin oder weil ich dich gedanklich einlade.

Lass uns einen Kompromiss schließen. Du darfst mich manchmal fies angrinsen und ich darf dich dann verfluchen. Und wenn ich dich einlade, dann sag mir, dass die Zeit noch nicht gekommen ist und geh wieder, dafür darfst du mir Angst machen. Kurz, ganz kurz. Du holst mich noch früh genug und wir werden für Ewigkeiten vereint sein. Gönne mir die kurze Zeit, in der ich leben darf.

Meinst du, wir bekommen das hin?

Okay, ich glaube, mehr kann ich nicht sagen. Mir schwirrt der Kopf. Und ich hab Angst. Nicht vor dir, sondern vor mir und dem Wirrwarr im Kopf.

In diesem Sinne, sei gnädig mit mir.

Viele Grüße

Claudia

Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt was bringt. Aber es zeigt mir, wie widersprüchlich mein Gedanken sind. Ich wünsche mir was, was mir Angst macht. Ich habe Angst vor etwas, was ich nie mitbekommen werde. Denn wenn ich tot bin, dann kann ich keine Angst mehr haben. Da ist dann nichts. Denn ich bin dann nicht. Wenn der Tod da ist, dann bin ich nicht mehr da. Wenn ich da bin, dann ist da kein Tod. Also nicht für mich persönlich. Er kann um mich herum sein, wenn ich an ihn denke, aber nicht gleichzeitig mit mir. Was für ein makaberer Scherzkeks er doch ist …

Kari

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